Duftwissen · Datenauswertung aus 406 Nischendüften
Patchouli Parfum: Die Note, die in jedem dritten Duft steckt – und fast nie draufsteht
Patchouli gilt als erdig, muffig und irgendwie nach 1969. In unserem Sortiment steckt sie in 119 von 406 Düften – und ganze sieben davon sind überhaupt als erdig eingeordnet. Die Note ist also allgegenwärtig und gleichzeitig fast unsichtbar. Wir haben nachgezählt, wo sie wirklich sitzt und was sie dort tut.
- Patchouli ist die siebthäufigste Note im Sortiment – 119 von 406 Düften, also 29,3 Prozent. Häufiger sind nur Vanille, Moschus, Sandelholz, Rose, Bergamotte und Amber.
- Nur 2 dieser 119 Düfte tragen Patchouli im Namen (1,7 Prozent). Bei Oud sind es 26,3 Prozent. Patchouli ist eine Arbeitsnote, keine Schlagzeile.
- In 81 von 107 Fällen steht sie in der Basis, in 25 im Herz, in genau einem im Kopf. Sie ist Fundament, nicht Auftritt.
- Das Hippie-Klischee stimmt – und führt trotzdem in die Irre. 7 der 12 erdigen Düfte im Shop enthalten Patchouli. Aber „erdig“ sind überhaupt nur 3,0 Prozent des Sortiments.
- Gegen die Shop-Basislinie gerechnet zieht Patchouli klar zu würzig (+13,7 Prozentpunkte) und holzig (+11,6) – und auffällig weg von synthetisch (−14,2) und cremig (−13,9).
- Mit süß hat sie dagegen nichts zu tun: 73,9 Prozent der Patchouli-Düfte sind süß, im ganzen Sortiment sind es 73,4 Prozent. Das ist kein Signal, sondern die Grundgesamtheit.
Was Patchouli eigentlich ist
Patchouli ist ein Blatt. Das klingt banal, erklärt aber die Hälfte der Missverständnisse. Die Pflanze heißt Pogostemon cablin, gehört zu den Lippenblütlern und ist damit botanisch eine Verwandte von Minze, Salbei und Basilikum – nicht von Hölzern, obwohl sie in Düften meist wie eines eingesetzt wird. Sie wächst als buschiges Kraut von knapp einem Meter Höhe, vor allem in Indonesien, Indien und Malaysia.
Geerntet werden ausschließlich die Blätter. Und dann passiert das, was Patchouli von fast allen anderen Duftstoffen unterscheidet: Die Blätter müssen erst welken und teilweise fermentieren, bevor destilliert wird. Frisches Patchouliblatt gibt kaum etwas her. Erst das Antrocknen bricht die Zellwände auf, und erst dann lässt sich mit Wasserdampf das Öl gewinnen. Bei vielen Rohstoffen ist Frische alles – hier ist der kontrollierte Verfall die Voraussetzung.
Die Ausnahme von der Regel: Patchouliöl wird mit dem Alter besser. Die meisten ätherischen Öle oxidieren und verlieren über Jahre an Qualität. Patchouli reift nach – der kratzige, kampferartige Anteil baut sich ab, das Runde und Süße tritt hervor. Gut gelagertes Öl wird deshalb teurer gehandelt als frisches. Es ist einer der ganz wenigen Duftrohstoffe, bei denen das gilt.
Der Geruch des reinen Öls ist schwer zu beschreiben, weil er aus mehreren Schichten besteht, die sich zeitlich auffalten: zuerst etwas Kampfriges, fast Medizinisches, darunter feuchte Erde und Wurzel, dahinter eine dunkle, weinartige Süße, und am Ende etwas Rauchig-Trockenes. Wer Patchouli nur als Räucherstäbchen kennt, kennt im Wesentlichen die erste Schicht – und die ist diejenige, die die moderne Parfümerie weitgehend herausgenommen hat. Dazu kommen wir gleich.
Wie oft sie wirklich vorkommt
Wir haben alle 406 aktiven Düfte mit Notenangabe ausgewertet. Patchouli taucht in 119 davon auf – in verschiedenen Schreibweisen, von schlicht „Patchouli“ über „indonesisches Patchouli“ bis zu „Sulawesi-Patchouli“ und „Singapur-Patchouli“.
Vor Patchouli liegen nur Noten, die man als Käufer auch erwartet: Vanille (199 Düfte), Moschus (198), Sandelholz (144), Rose (143), Bergamotte (132) und Amber (129). Das sind alle sechs Begriffe, mit denen Marken werben. Patchouli wirbt niemand.
| Note | Düfte | Anteil | im Namen |
|---|---|---|---|
| Vanille | 199 | 49,0 % | 4,0 % |
| Moschus | 198 | 48,8 % | – |
| Sandelholz | 144 | 35,5 % | 0,7 % |
| Rose | 143 | 35,2 % | – |
| Bergamotte | 132 | 32,5 % | – |
| Amber | 129 | 31,8 % | – |
| Patchouli | 119 | 29,3 % | 1,7 % |
| Zeder | 106 | 26,1 % | – |
| Oud | 38 | 9,4 % | 26,3 % |
Die letzte Spalte ist die interessante. Oud kommt in 38 Düften vor – und 10 davon haben es im Namen. Bei Patchouli sind es zwei von 119. Oud ist ein Verkaufsargument, Patchouli ist Infrastruktur.
Wo sie im Duft sitzt
107 der 119 Patchouli-Düfte haben eine klassische Duftpyramide hinterlegt, also eine Zuordnung in Kopf-, Herz- und Basisnote. Die Verteilung ist eindeutig:
Drei Viertel aller Patchouli-Vorkommen sitzen in der Basis. Das ist kein Zufall, sondern Physik: Patchoulialkohol, der Hauptbestandteil des Öls, ist schwer und verdampft langsam. Er bleibt also auf der Haut, wenn die Zitrusnoten längst weg sind, und hält gleichzeitig die flüchtigeren Bestandteile fest. Parfümeure nennen das einen Fixateur. Patchouli ist einer der wirksamsten und zugleich billigsten, die es gibt.
Der eine Duft mit Patchouli in der Kopfnote ist – wenig überraschend – Molinard Vanille Patchouli. Der einzige Duft im Sortiment, der die Note nach vorne stellt, ist auch einer der beiden, die sie im Namen tragen. Wer Patchouli in den ersten Minuten riechen will, hat genau diese eine Adresse.
Das Hippie-Klischee: richtig und irreführend zugleich
Die Zuschreibung „erdig“ ist nicht falsch. Im Gegenteil – sie ist belegbar. Im ganzen Sortiment sind 12 Düfte als erdig eingeordnet, und 7 davon enthalten Patchouli. Bei einem Sortimentsanteil von 29,3 Prozent wäre der Erwartungswert bei 3 bis 4. Patchouli ist also tatsächlich die Note, die das Erdige in einen Duft bringt.
Nur: Erdige Düfte sind eine Randerscheinung. 12 von 406 – das sind 3,0 Prozent. Umgekehrt gerechnet heißt das: Von 119 Patchouli-Düften sind 7 erdig, also 5,9 Prozent. 112 sind es nicht.
Beide Zahlen sind wahr, und darin liegt der ganze Widerspruch: Patchouli ist der Träger des Erdigen – und die moderne Parfümerie nutzt diese Eigenschaft praktisch nicht mehr. Das Klischee beschreibt eine echte Eigenschaft des Rohstoffs, trifft aber auf 94 Prozent der Düfte, in denen er steckt, nicht zu.
Der Grund ist technisch. Rohes Patchouliöl enthält neben dem Patchoulialkohol eine Reihe leichterer Bestandteile, die für das Kampfrige, Muffige und leicht Stechende verantwortlich sind. Seit den neunziger Jahren wird Patchouliöl in der Industrie routinemäßig fraktioniert – also in Bestandteile aufgetrennt, von denen einzelne entfernt werden. Was übrig bleibt, nennt sich oft „Patchouli Coeur“ oder „Patchouli light“ und riecht sauber, dunkelsüß und holzig, ohne den Keller.
Auf dem Etikett steht in beiden Fällen „Patchouli“. Der Unterschied zwischen dem Patchouli in einem Räucherstäbchen und dem in einem Supermarkt-Bestseller ist größer als der Unterschied zwischen zwei verschiedenen Noten. Und genau deshalb sagt die Angabe allein so wenig.
Das Kategorie-Profil – gegen die Basislinie gerechnet
Um zu sehen, was Patchouli einem Duft tatsächlich antut, reicht es nicht, die Kategorien der Patchouli-Düfte zu zählen. Man muss sie gegen das Gesamtsortiment stellen. Sonst passiert, was uns beim ersten Durchgang passiert ist: 73,9 Prozent der Patchouli-Düfte sind „süß“ – was nach einem starken Befund klingt, bis man merkt, dass das ganze Sortiment zu 73,4 Prozent süß ist. Die Zahl sagt also nichts.
Interessant sind nur die Abweichungen. Nach rechts bedeutet: unter den Patchouli-Düften überrepräsentiert. Nach links: unterrepräsentiert.
Abweichung in Prozentpunkten gegenüber dem Anteil derselben Kategorie im Gesamtsortiment (406 Düfte). Ein Duft trägt bis zu fünf Kategorien, die Werte summieren sich deshalb nicht auf 100.
Das Bild ist klarer, als wir erwartet hatten. Patchouli zieht einen Duft nach würzig, holzig, orientalisch – und weg von frisch, cremig und synthetisch. Es ist eine Note der warmen, dunklen, trockenen Seite.
Die stärkste Einzelabweichung ist zugleich die unerwartetste: Patchouli-Düfte sind mit 6,7 Prozent dreimal seltener als synthetisch eingeordnet als der Durchschnitt (20,9 Prozent). Das hat einen handfesten Grund. Patchouli ist einer der letzten Naturrohstoffe, die noch in industriellem Maßstab wirtschaftlich sind – das Öl kostet einen Bruchteil von Iris, Sandelholz oder Rose. Wo gespart werden muss, wird Patchouli nicht ersetzt, sondern eingesetzt. Es ist der günstige Naturstoff in einer Branche, die sonst zunehmend synthetisch arbeitet.
Drei Arten, Patchouli einzusetzen
Aus dem Kategorie-Profil lassen sich drei Gruppen ableiten, die sich beim Tragen deutlich unterscheiden. Sie haben nichts mit Preis oder Marke zu tun, sondern damit, welche Schicht des Rohstoffs ein Parfümeur in den Vordergrund holt.
1. Würzig-holzig – das Rückgrat
Die größte und unauffälligste Gruppe. Hier liefert Patchouli die trockene, pfeffrige Tiefe unter Hölzern und Gewürzen, ohne selbst erkennbar zu werden. Man riecht nicht Patchouli, man riecht, dass der Duft Boden hat. Das ist die Gruppe, in der die Note ihre eigentliche Arbeit verrichtet – und der Grund, warum 98 Prozent der Patchouli-Düfte ohne das Wort auf der Flasche verkauft werden.
Wer prüfen will, ob ihm Patchouli in dieser Funktion liegt, braucht Düfte mit wenigen Noten, in denen sie nicht untergeht.
Initio
Rehab
Acht Noten, Patchouli als eine davon – und trotzdem trägt sie den trockenen Boden, auf dem Lavendel und schwarzer Pfeffer stehen. Der sauberste Weg, die Note in ihrer Arbeitsfunktion kennenzulernen.
15,99 € · Nischenfaktor 6,9 · Sillage 7,6 · Haltbarkeit 8,0
- Lavendel
- schwarzer Pfeffer
- Zedernholz
- Patchouli
Essential Parfums
Bois Imperial
Führt indonesisches Patchouli und Akigalawood® – also den Rohstoff und sein enzymatisch gewonnenes Derivat im selben Duft. Mit Sillage 8,2 und Haltbarkeit 8,5 einer der leistungsstärksten im Sortiment.
8,99 € · Nischenfaktor 5,5 · Sillage 8,2 · Haltbarkeit 8,5
- Akigalawood®
- Szechuanpfeffer
- Vetiver
- indon. Patchouli
Orto Parisi
Cuoium
Hier kippt würzig-holzig ins Ledrige. Patchouli steht in der Basis neben Ladanharz und Kadeöl – und hält einen Duft zusammen, der mit Sillage 8,7 und Haltbarkeit 9,1 zu den durchsetzungsstärksten überhaupt gehört.
15,99 € · Nischenfaktor 9,1 · Sillage 8,7 · Haltbarkeit 9,1
- Leder
- Weihrauch
- Kadeöl
- Patchouli
2. Süß-orientalisch – die unsichtbare Mehrheit
Das ist die Gruppe, in der Patchouli die meisten Menschen täglich riechen, ohne es zu wissen. In Kombination mit Vanille, Tonkabohne, Praline oder Kakao verliert die Note ihre erdige Seite fast vollständig und liefert stattdessen eine dunkle, weinartige Süße, die verhindert, dass der Duft nach Zuckerguss riecht. Ohne Patchouli wären die meisten Gourmand-Bestseller der letzten zwanzig Jahre flach.
Die häufigsten Begleitnoten belegen das: Vanille steht in 64 der 119 Patchouli-Düfte, Moschus in 60, Bergamotte in 45, Sandelholz und Amber in je 40.
Molinard
Vanille Patchouli
Der einzige Duft im Sortiment, der Patchouli in die Kopfnote stellt – und einer von nur zwei, die sie im Namen tragen. Sechs Noten, keine Tarnung. Der direkteste Einstieg, den es hier gibt.
7,94 € · Nischenfaktor 7,3 · Sillage 7,2 · Haltbarkeit 7,7
- Patchouli (Kopf)
- Vanille
- Benzoe
- Sandelholz
Lancôme
La Vie est Belle
Patchouli steht hier direkt hinter Praline in der Notenliste – an zweiter Stelle von neun. Wer wissen will, wie die Note im Mainstream klingt, riecht sie hier in ihrer häufigsten Rolle: als Gegengewicht zur Süße.
8,99 € · Nischenfaktor 4,2 · Sillage 8,1 · Haltbarkeit 8,2
- Praline
- Patchouli
- Iris
- Tonkabohne
Carolina Herrera
Good Girl
18 Noten, Patchouli als fünfte, in der Basis. Mit Nischenfaktor 2,8 der bekannteste Duft dieser Auswahl – und ein Beleg dafür, dass dieselbe Note auch dort steckt, wo niemand sie vermutet.
9,99 € · Nischenfaktor 2,8 · Sillage 7,6 · Haltbarkeit 7,8
- ger. Tonkabohne
- Kakao
- Patchouli
- Praline
3. Erdig – die sieben Ausnahmen
Die kleinste Gruppe, und die einzige, in der Patchouli das ist, was das Klischee behauptet. Sieben Düfte im ganzen Sortiment vereinen Patchouli mit der Kategorie „erdig“. Auffällig: Sie liegen alle im oberen Bereich des Nischenfaktors, zwischen 8,2 und 9,8. Wer das Erdige sucht, muss in die Nische – im Mainstream wird es systematisch herausgerechnet.
| Duft | Nischenfaktor | weitere Kategorien |
|---|---|---|
| Orto Parisi – Brutus | 9,8 | holzig, würzig, harzig, rauchig |
| Orto Parisi – Terroni | 9,8 | rauchig, holzig, würzig, harzig |
| Adi Ale Van – Dilema | 9,2 | holzig, würzig, ledrig, rauchig |
| Zoologist – Chipmunk | 9,2 | holzig, würzig, süß, gourmand |
| Zoologist – Orchid | 9,0 | blumig, grün, frisch, süß |
| Nicolai – Patchouli Intense | 8,9 | würzig, blumig, holzig, grün |
| Byredo – Rose Noir | 8,2 | blumig, frisch, grün, fruchtig |
Von diesen sieben sind drei dauerhaft gut lieferbar, die anderen nur zeitweise – Nicolai Patchouli Intense und Byredo Rose Noir sind derzeit nicht auf Lager, bei Zoologist Chipmunk ist der Bestand einstellig. Die drei, die immer da sind:
Orto Parisi
Brutus
Nischenfaktor 9,8 – der höchste unter allen Patchouli-Düften, gemeinsam mit Terroni. Patschuli steht an erster Stelle der Notenliste, gefolgt von Zeder und Eichenmoos. Das ist Patchouli ohne Abschwächung.
15,99 € · Nischenfaktor 9,8 · Sillage 7,5 · Haltbarkeit 8,1
- Patschuli
- Eichenmoos
- Ladanharz
- Zeder
Orto Parisi
Terroni
Dieselbe Spitze beim Nischenfaktor, aber deutlich lauter: Sillage 8,7 und Haltbarkeit 9,1 gehören zu den höchsten Werten im ganzen Sortiment. Guajakholz und Birke schieben das Erdige ins Rauchige.
15,99 € · Nischenfaktor 9,8 · Sillage 8,7 · Haltbarkeit 9,1
- Guajakholz
- Patschuli
- Birke
- Moos
Adi Ale Van
Dilema
Nur acht Noten, und Patchouli an dritter Stelle neben schwarzem Leder und Lakritze. Das Erdige bekommt hier eine bittere Kante – die wohl eigenwilligste Lesart der Note im Sortiment.
19,99 € · Nischenfaktor 9,2 · Sillage 7,6 · Haltbarkeit 8,3
- schwarzes Leder
- Patchouli
- Lakritze
- Myrrhe
Was die Notenangabe nicht verrät
Zwei Düfte aus dem Sortiment führen beide „Patchouli“ in der Notenliste. Der eine kostet als Probe 5,99 Euro und hat Nischenfaktor 2,1, der andere 15,99 Euro und 9,8. Zwischen ihnen liegen 7,7 Punkte auf einer Zehnerskala – und sie haben olfaktorisch fast nichts gemeinsam.
| Sabrina Carpenter – Cherry Baby | Orto Parisi – Brutus | |
|---|---|---|
| Nischenfaktor | 2,1 | 9,8 |
| Sillage | 5,7 | 7,5 |
| Haltbarkeit | 5,8 | 8,1 |
| Kategorien | süß, fruchtig | holzig, würzig, erdig, harzig, rauchig |
| Patchouli steht in | der Basis, als 4. von 13 Noten | der Basis, als 1. von 11 Noten |
| Nachbarnoten | Kirsche, kandierter Apfel, brauner Zucker | Eichenmoos, Ladanharz, Ambra |
Hier ist die ehrliche Einordnung, die man dazu braucht: Diese Spannweite ist bei Patchouli nicht besonders. Wir haben sie für alle häufigen Noten berechnet, und Vanille, Amber und Sandelholz kommen auf 7,9 Punkte, Moschus und Rose auf 7,8. Patchouli liegt mit 7,7 mitten im Feld. Der Befund ist also kein Patchouli-Befund, sondern ein grundsätzlicher: Bei einer häufigen Duftnote sagt der Name praktisch nichts darüber, wie ein Duft riecht. Es kommt auf die Konzentration, die Qualität des Öls, die Position in der Pyramide und vor allem auf die Nachbarschaft an.
Umgekehrt gilt das auch: Noten mit kleiner Spannweite sind verlässlicher. Tabak liegt bei 3,7 Punkten, Oud bei 4,1, Iris bei 5,0. Wer „Oud“ auf einer Flasche liest, weiß ungefähr, was kommt. Wer „Patchouli“ liest, weiß es nicht.
Der extremste Fall im Sortiment ist Jean Paul Gaultier Scandal: vier Noten insgesamt – Blutorange und Gardenie im Kopf, Honig im Herz, und als einzige Basisnote Patchouli. Ein Mainstream-Bestseller mit Nischenfaktor 4,1, dessen gesamtes Fundament aus genau der Note besteht, die als Hippie-Klischee gilt. Riechen würde das kaum jemand so nennen.
Patchouli ohne Patchouli: Akigalawood
Beim Auswerten ist uns eine Note aufgefallen, die in zehn Düften steht und mit Patchouli direkt zusammenhängt: Akigalawood®. Das ist kein Pflanzenauszug im klassischen Sinn, sondern wird durch enzymatische Umwandlung aus Patchouliöl gewonnen – ein Pilzenzym baut das Öl um, und das Ergebnis riecht pfeffrig-holzig mit einem Rest Patchouli-Charakter, aber ohne das Erdige.
Bemerkenswert ist, wie es deklariert wird: Von den zehn Düften mit Akigalawood listen sieben kein Patchouli daneben. Formal korrekt, denn es ist ein eigener Rohstoff. Praktisch heißt es: Der tatsächliche Patchouli-Fußabdruck im Sortiment ist größer als die 119 Düfte, die wir gezählt haben.
Drei Düfte führen beides – Essential Parfums Bois Imperial, Maison Crivelli Oud Maracuja und The Merchant of Venice Vinecia 21. Wer den Unterschied zwischen Rohstoff und Derivat im selben Duft riechen will, hat dort die Gelegenheit.
Wie man herausfindet, ob man Patchouli mag
Die Frage ist schlechter gestellt, als sie klingt. Weil die Note in 29,3 Prozent des Sortiments steckt, hat praktisch jeder sie schon getragen. Die sinnvolle Frage lautet nicht „mag ich Patchouli?“, sondern „welche ihrer Schichten mag ich?“
Ein Vorgehen, das funktioniert:
Erst die Mitte, dann die Ränder. Mit Molinard Vanille Patchouli anfangen – sechs Noten, Patchouli im Kopf, nichts versteckt. Wenn das angenehm ist, liegt einem die dunkelsüße Lesart. Dann weiter zu Brutus oder Terroni, um zu sehen, ob auch das Erdige trägt.
Auf die Basis warten. Patchouli zeigt sich in drei von vier Fällen erst nach einer bis zwei Stunden, weil es dort in der Basisnote sitzt. Wer nach zehn Minuten urteilt, urteilt über die Kopfnoten anderer Rohstoffe. Das ist der häufigste Fehler bei dieser Note.
Auf Haut, nicht auf Papier. Patchoulialkohol reagiert deutlich auf Hauttemperatur und Hautfett. Auf dem Teststreifen bleibt die kratzige Seite länger stehen, auf der Haut rundet sie sich ab. Bei kaum einer anderen Note ist der Unterschied so groß.
Passende Einstiege finden sich in den Kollektionen holzige Düfte, orientalische Düfte und würzige Düfte – das sind die drei Kategorien, in denen Patchouli überrepräsentiert ist.
Häufige Fragen zu Patchouli
Wie riecht Patchouli?
Reines Patchouliöl riecht in Schichten: zuerst kampferartig und leicht medizinisch, darunter feuchte Erde und Wurzel, dahinter eine dunkle, weinartige Süße, am Ende trocken und etwas rauchig. In Parfums wird die kampferartige Schicht meist technisch entfernt, sodass vor allem die dunkelsüße, holzige Seite übrig bleibt. Deshalb riecht Patchouli in einem modernen Duft oft gar nicht nach dem, was man aus Räucherstäbchen oder Naturkostläden kennt.
Ist Patchouli eher ein Damen- oder ein Herrenduft?
Weder noch, und zwar ungewöhnlich deutlich. Von den 119 Patchouli-Düften im Sortiment sind 48 als Herrenduft, 46 als Unisex und 22 als Damenduft eingeordnet, bei 3 fehlt die Angabe. Das ist eine der ausgeglichensten Verteilungen, die eine einzelne Note hier aufweist. Patchouli funktioniert in beide Richtungen, weil sie selbst nicht blumig und nicht rasierwasserartig ist, sondern trocken und dunkel.
Warum riecht Patchouli in einem Duft nach Erde und im nächsten süß?
Weil zwei verschiedene Dinge denselben Namen tragen. Patchouliöl wird in der Industrie fraktioniert, also in Bestandteile aufgetrennt. Entfernt man die leichten, kampferartigen Fraktionen, bleibt ein sauberes, dunkelsüßes Öl übrig. Auf dem Etikett steht in beiden Fällen schlicht „Patchouli“. Dazu kommt die Nachbarschaft: Neben Vanille und Praline wirkt dieselbe Note süß, neben Eichenmoos und Harz erdig.
In welchen bekannten Parfums steckt Patchouli?
In sehr vielen, meist unbemerkt. In unserem Sortiment zum Beispiel in Carolina Herrera Good Girl, Lancôme La Vie est Belle, Jean Paul Gaultier Scandal, Chanel Coco Mademoiselle, Tom Ford Ombré Leather, Narciso Rodriguez For Her und Jil Sander No 4. Insgesamt sind es 119 von 406 Düften – und nur zwei davon tragen die Note im Namen.
Hält ein Duft mit Patchouli länger?
Messbar ja, aber kaum spürbar. Die 119 Patchouli-Düfte kommen im Schnitt auf Haltbarkeit 7,95 und Sillage 7,61, das Gesamtsortiment auf 7,82 und 7,44. Das sind Unterschiede von 0,13 und 0,17 Punkten – statistisch vorhanden, in der Praxis irrelevant. Patchouli wirkt als Fixateur vor allem dadurch, dass es andere, flüchtigere Noten länger hält, nicht dadurch, dass es selbst besonders lange bleibt.
Ist Patchouli ein Holz?
Nein. Patchouli ist ein Blatt. Die Pflanze Pogostemon cablin ist ein knapp meterhohes Kraut aus der Familie der Lippenblütler, also botanisch mit Minze, Salbei und Basilikum verwandt. Verwendet werden ausschließlich die Blätter, die vor der Destillation welken und teilweise fermentieren müssen. In Düften wird die Note trotzdem meist wie ein Holz eingesetzt – 61,3 Prozent der Patchouli-Düfte in unserem Sortiment sind als holzig eingeordnet.
Was ist Akigalawood?
Ein Rohstoff, der durch enzymatische Umwandlung aus Patchouliöl gewonnen wird. Ein Pilzenzym baut das Öl um, das Ergebnis riecht pfeffrig-holzig mit einem Rest Patchouli-Charakter, aber ohne die erdige Seite. In unserem Sortiment steht Akigalawood® in zehn Düften – und in sieben davon ist Patchouli nicht zusätzlich aufgeführt, obwohl es der Ausgangsstoff ist.
Welcher Duft ist der beste Einstieg in Patchouli?
Molinard Vanille Patchouli, weil er die Note nicht versteckt: sechs Noten insgesamt, und als einziger Duft im Sortiment steht Patchouli hier in der Kopfnote statt in der Basis. Man riecht sie also von der ersten Minute an. Wer danach wissen will, wie die erdige Seite wirkt, geht weiter zu Orto Parisi Brutus oder Terroni. Beide Richtungen lassen sich als 2-bis-5-Milliliter-Probe testen, ohne einen Flakon zu kaufen.
- Moschus Parfum: Was die Note wirklich macht – und was der Mythos behauptet
- Sandelholz Parfum: Vier Hölzer, ein Name – und warum die Herkunft fast nie dabeisteht
- Was ist Oud? Der teuerste Duftstoff der Welt – und warum er fast nie drin ist
- Vanille Parfum: Die 21 besten Vanilledüfte – und warum Vanille in den meisten nicht führt
- Duftfamilien verstehen: der große Guide zu holzig, blumig, chypre & Co.
Methode und Quellen. Datenbasis sind alle zum 2. Oktober 2026 im Shop aktiven Düfte mit hinterlegter Notenangabe: 406 Produkte. Sets, Bundles und Gratisproben sind ausgeschlossen, weil sie keine eigene Notenliste haben. Als „Patchouli-Duft“ gilt jeder Duft, dessen Notenliste eine Patchouli-Schreibweise enthält – gezählt wurden Patchouli, Patschuli, indonesisches Patchouli, indonesisches Patchouli Orpur®, Sulawesi-Patchouli, Singapur-Patchouli, malaysisches Patchouli und Patchouliblüte. Akigalawood® wurde nicht als Patchouli gezählt, obwohl es daraus gewonnen wird. Nischenfaktor, Sillage und Haltbarkeit sind unsere eigene redaktionelle Einordnung auf einer Skala von 1 bis 10, keine Laborwerte; Mittelwerte sind über alle Düfte mit vorhandenem Wert gebildet. Die Kategorien stammen aus unserer Duftkategorisierung, pro Duft sind bis zu fünf vergeben – die Prozentangaben summieren sich deshalb nicht auf 100. Die Abweichungen in Prozentpunkten vergleichen den Anteil einer Kategorie unter den Patchouli-Düften mit ihrem Anteil im Gesamtsortiment. Botanische und verfahrenstechnische Angaben zu Pogostemon cablin, zur Fermentation der Blätter, zur Fraktionierung des Öls und zu Akigalawood® sind allgemein dokumentiertes Fachwissen der Duftstoffherstellung. Preise und Lagerbestände sind Momentaufnahmen und können sich ändern.
